Sonntag, 26. August 2012

Strafarbeit Part 3

Strafarbeit Part 1

Strafarbeit Part 2




03.
Da! Genau da ist es! Aua!“, schrie er.
Fest strichen ihre ölglänzenden Hände über seine mageren Schultern.
Mit schmerzverzerrten Gesicht hockte er rittlings auf ihrem Drehstuhl, die Arme über der Rückenlehne hängend.
Husch! Ich hab den Knoten ja.“ Sie ging mit kreisenden Bewegungen über die schmerzende Stelle. „Entspannt Euch, mein Prinz.“
Du hast gut reden.“, grummelte er und zuckte zusammen.
Ihr müsst lernen, mit Euren Kräften hauszuhalten.“
Wie ich schon sagte: Du hast gut reden!“
Sie ergriff seinen Arm, streckte ihn und strich von Schulter zur Elle die Muskulatur entlang.
Wie soll ich so nur diese Aufgabe beenden?“ Er drehte den Kopf und sah sie finster an.
Nicht an einem Tag, mein Prinz. Stück für Stück. Atemzug für Atemzug. Gleichmäßig und mechanisch. Bis Euer Kopf leer gefegt ist und Ihr nur noch an das nächste Stück Holz denkt.“
Und nicht mehr an den ganzen Haufen?“
Sehr richtig, mein Prinz“, nickte Tilda. „Der Haufen ermahnt Euch zur Eile. Ihr arbeitet unkoordiniert und aggressiv – und Eure Muskeln schreien.“
 
Vorsichtig legte sie den Arm zurück auf die Rückenlehne und wandte sich dem anderen Arm zu.
Ich wage es nicht, Pausen einzulegen.“, sagte er.
Ihr müsst aber, mein Prinz! Ihr müsst essen und trinken und schlafen!“
Sie glitt mit dem Daumen seitlich an der Wirbelsäule entlang und lächelte zufrieden, als sie ein wohliges Seufzen hörte.
Ist das alles, mit dem ihr Menschen das Leben ausfüllt? Trinken, essen, schlafen – sterben?“
Jedem steht die Entscheidung frei, was er aus seinem Leben macht. Da hat der Mensch es vielleicht besser als ein Gott.“
Er setzte sich gerade auf und sah sie wütend an. „Ach wirklich? Mein Bruder würde da widersprechen.“
Euer Bruder ist – verzeiht mir, mein Prinz – auch nicht der beste aller Götter.“
Er lachte. „Das ist nicht neu für mich. Aber nur weiter.“
Tilda zog ihre Hände von seinem Nacken: „ Spottet nicht über mich, Mylord! Spottet nicht über die wenigen, die Euch wohl gesonnen sind!“
Er hob die Hände. „Ruhig, Mädchen. Jetzt nur noch Mylord? Kein Prinz mehr, da ich halb entblößt vor Dir sitze?“ Er lächelte schief.
Nur noch ...“, wiederholte sie leise. „Nur noch ein Herrscher ohne Land und doch mein Prinz. Das wisst Ihr doch!“
Er entspannte sich und drückte ihre Hände wieder auf seinen Nacken. „Es ist gut. Verzeih – und erkläre mir, was mein geliebter Bruder falsch macht.“, lachte er und rieb sich über die Arme.
 
Ihre Gedanken ordnend strich Tilda sanfter seine Halsmuskeln entlang. Als sie ihn leise schnurren hörte, wurde ihr ihre Handlung bewusst. Sie zuckte mit den Händen zurück, um gleich wieder fester zuzupacken.
Ein Gott sollte nicht – wie Ihr es versuchtet – die Ameisen zerstören“
Er knurrte bei diesen Worten unwirsch auf, doch Tilda ließ sich nicht von ihrer Erklärung abbringen.
Er sollte sich aber auch nicht einmischen und die Kolonie durcheinander bringen, wie Euer Bruder. Er greift in unsere natürliche Entwicklung ein.“
Und wie sollte sich Deiner Meinung nach ein guter Gott verhalten?“
Wie Euer Vater. Er sollte die Erde ignorieren.“
Er fing an zu lachen und rutschte halb vom Stuhl dabei.
Oh Mythensammlerin!“, rief er aus und wischte sich Lachtränen aus den Augen. „weißt Du denn nicht, was Vater auf der Erde alles angestellt hat?“
Doch“, sagte Tilda mit Nachdruck. „Ich weiss aber auch, dass ER aus seinen Fehlern gelernt hat.“
 
Sie begann, mit leichten Handkantenschlägen seine Rückenmuskeln weiter zu lockern.
Seufzend beugte er sich in die Lehne hinein und fragte: „ Und Du meinst, ich wäre auch so weise?“
Ich weiß es! Euch wurde alle Kraft genommen, außer einer Göttergabe. Ihr seid klug, mein Prinz.“
Im Gegensatz zu meinem Bruder?“, lachte er auf.
Ja, genau.“ sagte sie. „Euren Verstand haben die Götter euch gelassen. Und mit Eurem Verstand – und nicht mit Kraft – werdet Ihr Eure Strafe meistern.“
Er drehte sich mit dem Stuhl herum, packte sie an den Oberarmen und sah ihr fest in die Augen.
Du glaubst an mich“, stellte er fest.
Sie nickte feierlich und versuchte das Kribbeln seiner Berührung zu ignorieren.
Ja, mein Prinz. Ihr seid mein Gott – und ich glaube an Euch.“
Kurz zuckte ein erstauntes Lächeln durch sein Mimik.
Und wenn ich, neu zu Kräften gekommen, einen weiteren Anlauf mache, die Erde zu erobern?“
Tilda lächelte traurig.
Ich hoffe nur, dass Bruderneid nicht wieder Eure Klugheit blendet. Das ist doch zu kindisch! Doch wenn Ihr wirklich und wahrhaftig Euch der Konsequenz Eures Tun bewusst seid – WENN Ihr für Euer Handeln die volle Verantwortung und damit auch die folgende Strafe übernehmen könnt … Ja, dann gibt es keine falsche oder richtige Entscheidung. Dann gibt es nur eine göttliche Entscheidung.“
Er strahlte Tilda an. „Du hast wohl gesprochen und mir viel Honig um den Bart geschmiert. Wie weise von meinem Bruder, Dich zu wählen.“ Er stand auf und zwinkerte ihr zu.
Ich habe nun viel nachzudenken.“
Sachte nahm er ihren Kopf in seine Hände.
Schlafe wohl, Tilda!“, wünschte er ihr und gab ihr einen kleinen Nasenstüber.
Bevor sie noch etwas hervorbringen konnte, war er aus dem Zimmer.

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