Montag, 27. August 2012

Strafarbeit Part 4

Strafarbeit Part 1
Strafarbeit Part 2
Strafarbeit Part 3

04.
Du solltest das nicht machen.“, sagte er zu Tilda und schlug die Axt in den Hackstock.
Er kam auf sie zu. Seine Kleidung hatte er schon vor Wochen gegen Jeans und T-Shirt eingetauscht und wirkte darin seltsam unwirklich. Er nahm ihr die Holzscheite aus den Armen.
Warum nicht?“, wandte sie ein. „Ich bin ja kein gottgleiches Wesen. Nur eine Ameise, die Ihrem Prinzen hilft.“
Er lächelte auf diese Art, die sie hilflos machte und ihr alle Argumente nahm.
Mein verzogenes Kind“, dachte sie.
Er stapelte die Scheite an die Schuppenwand, während sie an der Wasserpumpe seinen Krug auffüllte.
Ich wünsche, ich wäre eine echte Ameise.“, murmelte er hinter ihr.
Warum?
Na, dann könnte ich zumindest mehr schleppen.“ Er kam hoch und streckte seinen Rücken.
Sie betrachtete sein Kreuz, seine Arme, die kurz gespannten Muskeln.
Er wird bald so stark gebaut sein wie sein Bruder.“, dachte sie. „Ich muss ihn nur noch besser füttern.


Sag mir doch, Tilda“, begann er, und ein kalter Schauer glitt über ihren Rücken. Wie immer, wenn er so selten – zu selten – ihren Namen aussprach. „Sag mir, warum bleibst Du hier? Ich meine – kannst Du nicht fort?“
Sie blinzelte verwundert über diese seltsame Frage. „Wo soll ich denn hin? Ich schreibe doch wieder ein Buch über Euch, mein Prinz. Ihr wisst doch ...“
Ja, ich weiß“, unterbrach er und beobachtete sie. „Ich bin Dein Leben. Ich dachte nicht, das es Dir SO ernst ist.“ Er nickte zum Kiefernhain. „Bis zum Weltenende werde ich hier nicht fertig.“ Er nahm einen Schluck aus dem Krug und behielt sie dabei im Auge. „Du wirst alt und grau werden – und sterben.“
Ich weiß.“, sagte Tilda leise. „Ja, ich weiß. Aber es macht nichts ...“ „Und Euer Bruder wird Euch eine andere Hilfe senden.“
Er schob die Augenbrauen hoch. „Das hoffe ich doch! Nicht, dass ich noch selber kochen lernen muss.“ Er grinste, bemerkte dann aber etwas in ihrem Gesicht, das ihn innehalten ließ.
Du sprichst im vollen Ernst – natürlich. Du würdest hier bleiben bis Ragnarök?“
Ihr. Seid. Mein. Leben.“, knirschte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen und kam bei jedem Wort näher. Warum kapiert er das nicht?
... mein Prinz“, soufflierte er.
Mein Gott!“, sagte sie statt dessen.
Danke.“ Er hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.
Entsetzt sprang Tilda zurück. „Nein! Macht das nicht!
Was denn? Dich küssen?“, fragte er verwirrt.
Ja! Ich meine Nein! Ich meine ...“ Sie warf verzweifelt die Hände über ihren Kopf. „Alles! Euch bedanken, so – so demütig sein! Ihr seid ein Gott! Auch ohne Eure Kräfte!“
Sie drehte ihm verzweifelt den Rücken zu. „Ihr solltet Euch nicht besudeln an – an – Sterblichkeit.“
Hinter ihr war es so still, als würde er nicht dort stehen. Tilda schniefte. „Verdammt.“, flüsterte sie.
Dann spürte sie seine Anwesenheit hinter sich. Sie fühlte seine Arme, die sie sanft hielten, die Berührung seine Lippen an ihrem Ohr.
Sprich nicht so.“, hauchte er. „Sprich nie wieder so von Dir!“
Aber es ist doch wahr, mein Prinz!“
Nein.“ Er drückte sie an sich. „Bin ich nicht sterblich genug, Dich zu berühren?“
Ihr seid immer noch göttlichen Ursprungs. Und Euer Geist, der sowieso.“ Tilda kramte in ihrer Hosentasche nach einem Taschentuch und putzte sich die Nase.
Was hilft mir das? Ich habe noch keine Idee, wie ich diesem Holzberg entkommen kann. Und eigentlich“, hob er an, „ist es gar nicht so schlimm – mit Dir.“
 
Tilda wande sich langsam aus seinen Armen. Es war schwer, ihn jetzt noch anzusehen, aber sie schaffte es.
Sein Gesicht war blass, und seine Augen zeigten Kummer.
Das ist so völlig falsch.“, dachte Tilda.
Ich glaube – ich weiss es.“, beschwor sie ihn. „Die Geschichte zeigt es! Immer wenn Ihr Euch in schlimme Situationen gebracht habt – aus eigener Schuld und aus schlechten Motiven – habt Ihr einen Weg gefunden, es wieder gut zu machen – es sogar besser zu machen!“
Er lachte auf und schüttelte den Kopf. „Du siehst mehr in mir, als ich bin, Kind. Das sind Geschichten, Jahrhunderte alt, immer wieder nacherzählt und verändert. Das bin nicht ich!“
Ich sehe nur durch Eure schlechten Eigenschaften hindurch, mein Prinz.“
Mit unwillig zusammengepressten Lippen ging er zum Hackstock und ergriff die Axt. „Du solltest nicht an Dinge glauben, die Du nicht kennst.“, sagte er schließlich. „Ich bin nur solange Gott, wie die Geschichten wiederholt werden und Kinder in der Nacht sich vor mir gruseln. Ohne diese Leichtgläubigen würde ich vergehen.“
Er drehte ihr den Rücken zu, nahm sich ein neues Holzstück und schlug zu.

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